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pfeife.jpgDieses Projekt wählt die Geschichte des Ortes zu seinem (Fassaden)Thema und überblendet es mit dem neuen (Innen)Leben seiner Bauflucht. Zahlreiche Massnahmen sind notwendig und gefunden, um diese einmalige Konstellation zu realisieren und ihre notwendige Distanz zu obengenannten Aktionen.

Die Patina des Bestandes wird durch Spiegelung und Multiplikation zum flächigen Muster, das für Wien typische Geschäftslokal zum dramatischen Bild, die legendäre Bar zum romantischen Gemälde.

Umso schärfer der Kontrast zu den messerscharfen Einschnitten, die den Funktionen des neuen Körpers und der Topografie der Umgebung folgen.  

Ein Raumkontinuum mit dreidimensionalen Negativ- und Positivformen zerschneidet mit feinen Stahl-Glasdetails die zweidimensionalen Flächen mit ihren punktförmigen Strukturen und Mustern (vergl. Pixel bzw. Siebdruckrasterungen). Distanz und Blickwinkel sind massgebliche Faktoren für die jeweilige Lesbarkeit des Projekts.

Lichteinfall und Tageszeit verändern die Wahrnehmung: Nachts wird die Hülle beinahe transparent und das Innenleben wie auch der Raum des Innenhofes quellen durch die hautförmige Oberfläche.

Die virtuelle Hülle des Bestandes ergibt durch ‹berblenden mit neuen Rastern - insbesondere der Geschossaufteilung - aufregende Konstellationen: Die Appartements bieten jeweils raumhoch öffenbare Verglasungen wie auch unterschiedlichste Fensteröffnungen direkt an dieser Haut, die wie Bilder die Strasse oder den Himmel oder den Ausschnitt des Gegenübers zeigen. Der Zwischenraum der zwei Fassadenebenen der Glaserker verhindert Einblicke bei gleichzeitigen Ausblick auf die Stadt und die technische Rückseite der Installation. Der modulartige Aufbau der Fassade erlaubt das Auswechseln einzelner als auch mehrerer Platten, um sie auch zukünftig technisch bzw. kulturell weiterzuentwickeln: Hard- und Software sind somit getrennt, um Veränderungen zukünftiger Generationen zuzulassen.

Die Konzeption steht in der Tradition bemalter Paläste in Genua, modernen ‹berlagerungen wie etwa der Bibliothek in Cottbus aber auch der völligen Trennung zwischen technischer Gebäudehülle und aufgesetzter Haut wie etwa beim Kunsthaus Graz.

Das Projekt verwendet nicht die blosse Reduktion als Befreiung von der Staubschicht, nicht endlose Glasflächen um keine Aussage machen zu müssen, nicht technische Spielereien als Deko um für einen Augenblick modern sein zu dürfen. Einen Schritt weiter, spielt dieses Projekt selbstbewusst, aber nicht todernst mit der Geschichte des Ortes und dem Thema Zeit.

Wien kann nicht immer 1900 bleiben, hätten unsere Vorgänger auch so gedacht, hätte es schon 1900 nie gegeben.

Magritte schreibt unter sein Bild einer Pfeife: Das ist keine Pfeife.

Hier gilt: Dies ist kein altes Haus.

Funktionskonzept

Im Erdgeschoss befindet sich der Haupteingang Richtung Bauernmarkt in einer zweigeschossigen Situation. Hinter dem Empfang sind Verwaltungs- und Personalräume untergebracht. Von hier aus sind alle Bereiche einsehbar (Zugangskontrolle, Orientierung). Im direkten Anschluss sind die Container und Hausbriefanlage untergebracht, weiters die Aufzüge in die 9 Wohngeschosse. In Verlängerung dieser Serviceachse befindet sich hinter einer hinterleuchteten Mattglasebene der Wellnessbereich, der über grosszügige Oberlichten der darüberliegenden Terrasse belichtet wird. Im Schnittpunkt der Eingangsachsen liegt auch die repräsentative Haupttreppe ins 1.Obergeschoss, die sowohl innen als auch aussen begangen werden kann. Durch die Anlage der Treppe wird dieses in verschiedene Bereiche teilbar, kann aber auch von einem Betreiber bespielt werden. Eine interne Erschliessungstreppe verbindet den Verwaltungsbereich mit weiteren Serviceeinheiten des Boardingbereichs im 1.OG - interne und ev. externe Küchen, etc. können in verschiedenen Konfigurationen zusammengeschalten werden. Über einen separaten Strassenzugang werden diese, wie auch der Müllraum im EG getrennt ver- bzw. entsorgt. Die frei vermietbaren Flächen des Erdgeschosses können mit dem ersten Obergeschoss bzw. dem Kellergeschoss ergänzt werden, die Situierung der Fluchtwege kann diesbezüglich adaptiert werden. In den beiden Untergeschossen sind 16 Parkplätze möglich (optional mit Stapelparkplätzen im 2. UG: gesamt 24 Plätze.) Erreicht werden diese Ebenen über einen Parklift. Die Haustechnik und Lagerflächen finden im 2. UG neben der Garagenzone Platz. In den Regelgeschossen sind lediglich Mittelmauer, Erschliessungskern und Aussenfassade tragend. Die vorgeschlagenen Appartements können somit langfristig umgestaltet werden beziehungsweise auch kurzfristig verbunden werden (z.B: für Familien, Verwendung eines zusätzlichen Appartements als Büroraum). Französische Fenster bieten blickgeschützete Ausblicke in den Stadtraum, ein Gitterrost erleichtert Wartung, Reinigung und verlängert gestalterisch in den Aussenraum. Die Einrichtung der Appartements in den Regelgeschossen (2.-8.OG) erfolgt über eine modulartig gestaltete Funktionszeile, die alle fix eingebauten Elemente integriert und bewusst zurückhaltend schlicht gestaltet ist. Über ein Vorhangsystem kann die Bettnische vom Raum abgetrennt werden, aber auch des nachts den Raum selber abtrennen. Die Betten sind teilbar in die Konfigurationen Doppelbett, zwei Einzelbetten oder einseitig angeordnetes französisches Bett. Die freistehenden Möbel prägen den Charakter des Appartements und haben jeweils. Doppelfunktion (Arbeitsplatz wird zum Esstisch, die Küchenzeile zur Bar, das Sofa zum Gästebett.)

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Im ersten Dachgeschoss befindet sich für die Boarding Gäste eine Skylounge als verlängertes Wohnzimmer beziehungsweise als repräsentativer Empfangs- oder Besprechungsraum. Weiters sind hier 3 luxuriösere Wohneinheiten geplant. Die Dachterrasse lädt zu sportlichen Aktivitäten und einer grandiosen Aussicht ein.

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Der vertikale Garten an der Hofseite steuert die Sonneneinstrahlung, Mikroklima und Blickschutz. Kastenförmige Elemente mit öffenbaren Fenstern durchstossen die Grünfassade. Je nach Be- bzw. Hinterleuchtung wechselt die Transparenz. Bewässert und gewartet werden die Pflanztröge der immergrünen Rankpflanzen im Bereich der Gangzone der Geschosse.

Durch das geschlossene Stiegenhaus und seine Anbindung an die Strasse kann dieses als Fluchtweg verwendet werden, als zweiter Rettungsweg dienen die geschossweisen öffentlichen Fluchtbalkone vom Gangbereich zur öffentlichen Strasse hin.

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In unserer Brust schlagen zwei Herzen: Wir schätzen die Qualität gewachsener Architekturstrukturen, sind uns aber bewusst, dass zu einer aktiven Stadt die ständige Erneuerung gehört. Das Streben des Menschen nach intellektuellen Lösungen und Weiterentwicklungen treibt die Stadt voran. Der Mensch plant durch Lesen der Geschichte nachhaltiger, die Projekte gehen nun sensibler um mit ihren Vorgängern und Nachbarn als zur Jahrhundertwende. Ein wichtiger Bestandteil der innerstädtischen Baukultur ist die kommunikative kulturelle Ebene ihrer Fassaden, die den Stadtraum bilden. So wie der Stuck der Putzfassaden eine an sich einfache Bautechnik und Gliederung mit optischer aber eben auch kultureller Tiefe ausstattet, so suchen Architekten bis heute in den jeweiligen Sprachen ihrer Stadt nach Lösungen, die mehr sind als die blosse Aussenhülle eines Inhalts.

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Interessant sind vielschichtige, mehrdeutige Konzepte, die sich ihrer Verantwortung und Position im Stadtraum bewusst sind, ihre kulturelle Message als eigene und doch in synergetischer Weise in einer eigenen Ebene tragend. Bautechnik und Ökolgieverständnis am aktuellen Stand, jedoch ohne vorgeblendete Versatzstücke, die ein einfach konstruiertes Haus mit der notwendigen Bedeutung ausstatten sollen. Ein Haus, das vor allem eine Wohnfunktion in sich trägt, muss selbstverständlich andere Botschaften vermitteln als ein öffentlicher Ort in Form eines Museums oder Theaters.

Die Aufgabe an diesem speziellen Ort liegt in der Konstellation eines besonderen Stadtensembles, in dem ein Teil dessen, eben das vorliegende Bestandsobjekt bereits klinisch tot nur mehr als bautechnisch wertlose Hülle existiert. Doch genau diese Hülle mit allen ihren Wunden und Veränderungen, Spuren der Zeit und der Bewohner des Hauses ist der einzig wertvolle Teil. Sie kann zur Skulptur, zum Bild werden, nicht als retuschierte bunte Rekonstruktion, sondern als Kunstobjekt. Ein besonderer Zeitpunkt am Ende eines Gebäudelebens wird festgehalten und zur Geburtsstätte eines neuen, sensiblen aber selbstbewussten Organismus. Hier kommt der Wiener Künstler Franz Zadrazil ins Spiel. Mit beinahe wissenschaftlicher Akribie zeichnet er die Spuren der Stadtoberflächen nach, die Spuren ihrer Menschen auf den Leinwänden ihrer Häuser. Seine Arbeit wird im Vorfeld den Bestand aufnehmen und als Ausgangspunkt der Installation dienen.

Diese Methode funktioniert nur an dieser Stelle und darf nicht mit einer sentimentalen Aufpinselei oder aufgesetzter Kunst am Bau verwechselt werden oder gar "Verschönerungsaktionen", die Neubauten mit Styropor und Gips in klassische Bauten verwandlen sollen.