presse2
  • "der standard" über wettbewerb kunsthaus graz / 20

    Dec 27 th, 2006

    text: ute woltron Kunsthaus Graz - Blasen, Blöcke, Blätterwerk Das ALBUM zeigt die fetzigsten Teilnehmer im Rennen um das Kunsthaus Graz, von Ute Woltron Standard vom 15./ 16.04.2000 Der Wettbewerb um das Kunsthaus Graz ist entschieden. Die Stadtväter schnurren. Politiker aller Ebenen versprechen die benötigten Gelder. Die Zukunft ist gross, weit und offen. Die Londoner Architekten Peter Cook und Colin Fournier dürfen ein aufregendes kleines Ausstellungshaus ans Murufer setzen. Wenn die zuständigen Finanziers und Behörden nicht zu sparen und zu meckern beginnen, sollte es ein schönes und spannendes Kunsthaus werden, an dem sich nicht nur die Grazer freuen können. Soweit der Blick nach vorne. Doch auch ein kleiner Rückblick auf die anderen 101 abgegebenen Wettbewerbsprojekte lohnt sich. Denn die zusätzlich zur Teilnahme eingeladenen Architekturgrössen wie Zaha Hadid oder Masaharu Takasaki haben zwar brav gearbeitet, und mit Cook und Fournier konnten schliesslich auch zwei Geladene das Rennen machen, doch hat dieser Wettbewerb im Grunde genommen den jüngsten und unverbrauchten Architekten gehört. Ihre witzigen kreativen Einfälle steckten entweder hinter den vorgeschriebenen Ziviltechnikerstempeln diverser Etablierter, oder die Jungen traten ohnehin als selbständige Büros auf. Die Sieger Cook und Fournier, Architekturstreiter in den besten Jahren, waren schliesslich vor ein paar rasch verflossenen Dekaden auch nichts anderes als Junge Wilde, die den Weg in eine neue Architektur wiesen. Der Blick zurück ist also zugleich ein Blick nach vorne, und das ALBUM zeigt hier neben dem Siegerprojekt und den acht besten "Ankäufen" auch ein paar weitere Projekte, die fast bis zuletzt mit im Rennen waren.  Auf Platz Zwei hinter Cook und Fournier, wenn man das "Nachrückerprojekt" so nennen darf, landete sogleich der frische Esprit der jungen Wiener Architekten Hannes Stiefel und Franz Sam. Ihr Projekt schraubt sich wie eine grosse Plastik in den Grazer Stadtraum. Die spektakuläre Figur wird den Ansprüchen an die geforderten Ausstellungsflächen dennoch gerecht. "Das Projekt platziert an einem magischen Ort der Stadt eine Skulptur der Spiritualität", befand die Jury, und es wäre geeignet, "ein zeitloses Wegzeichen der Stadtgeschichte zu sein". Stiefel hat an der Wiener Universität für angewandte Kunst bei Coop Himmelb(l)au Co-Chef Wolf D. Prix studiert und offensichtlich den Umgang mit Raum und Dynamik gelernt. Eine zeitlang tobte die Jurydebatte noch um die beiden ersten Projekte, Stiefel und Sam zogen schliesslich den Kürzeren, weil man der Ansicht war, ihr Architekturobjekt tauge eher als Museum denn als Ausstellungsstätte. Auch der Wettbewerbsbeitrag von UrbanFish.Architects aus Wien ist ein sogenannter Klescher. Das wilde Projekt übt sich nicht unbedingt in bescheidener stadträumlicher Zurückhaltung und verunsicherte mit seinen Auskragungen und Faltungen Teile der Jury nachhaltig. Die Urbanfisher Mladen Jadric und Manfred Berthold haben den Baukörper wie einen Insektenpanzer in Segmente zersägt und diese Einzelteile gekippt und gedreht zu einem neuen Ganzen wieder zusammengesetzt. Daraus ergibt sich nicht nur eine freche markante Aussenstruktur, sondern auch spannende Innenräume und schöne Durchblicke. "Räumliche Erlebnisse" ortete die Jury, eine "starke Zeichenhaftigkeit" und eine "Vielfalt von Ausstellungsmöglichkeiten", meckerte aber gleichzeitig an den nicht optimalen Ausstellungszugängen und anderen Funktionsmängeln des Gebäudes herum.Der 40 Meter hohe Kunsthausblock des Innsbrucker Architekturprofessors Stefano de Martino di Montegiordano sieht zwar auf den ersten Blick ganz glatt, luftig und simpel aus, darinnen verbirgt sich allerdings eine komplizierte Angelegenheit in Form eines sich durch den Raum windenden Baukörpers. Wie der zu bespielen wäre bleibt unklar. Auch Karin Wallmüllers Projekt arbeitet mit Massen und Mächten. Die Grazerin zieht einen kräftigen Träger über den gesamten Bauplatz, befüllt diese starke "Megastruktur" sozusagen mit dem Kunsthaus und hievt das Ganze in luftige Höhen. Die neue Architektur erhebt sich über das historische Eiserne Haus und all die anderen umliegenden Häuser. Doch irgendwie wirkt die Sache ein bisschen unentschlossen, der Riesenträger beugt sich dennoch den bestehenden Dächern da und dort, überragt sie ein wenig aber nicht ganz. "Ein Manifest gegen Anpassungszwang" befand die Jury, und das ist der starke Entwurf allemal. Das Projekt Nummer 56 stammt von den Wienern Armin Hess, Martin Prettenthaler, Susanne und Verena Boyer, alias urban-FILTER.com. Sie legen einen Sockel auf den Bauplatz und stellen darüber einen glatten, festen Baukörper auf Stützen auf. Erschlossen wird der durch ein sogenanntes "Zyklotron", eine geschraubte Stiegenhausskulptur mit Rampen und anderem Pipapo, die den Besucher förmlich in das Gebäude saugen soll. Die Gruppe archiguards projects, ebenfalls aus Wien, aber gestempelt von Andreas Dworschak aus Linz, setzt eine sehr fesche und dynamische Skulptur an die Uferböschung und lässt die Murfluten an der langgezogenen grauen Skulptur lecken. Die Jury würdigte die "Entschlossenheit" der Jungarchitekten, sah aber unüberwindbare Hürden in Form diverser Sondergenehmigungsverfahren im Falle einer Realisierung auf das Haus zukommen und schloss deshalb das Projekt "von einer Preisüberlegung aus". Auch die Grazer Wolfgang Feyferlik und Susanne Fritzer gehörten zu den ganz wenigen, die mit dem Fluss etwas anzufangen wussten. Ihr Beitrag führt die bestehende Uferstrasse in einem kleinen Schlenkerl quer durch das Gebäude durch. Der Platz zur Mur hin bleibt dadurch autofrei und aufgewertet, die Ausstellung findet im schlichten Baukörper dahinter statt. Das Projekt sei besonders gut und wichtig, so tönte es aus der Jury, es lasse allerdings die "absolut originäre Geste" vermissen. Die letzten in der (nicht gereihten, also als gleichwertig zu betrachtenden) Riege der acht Ankäufe sind die Wiener Squid.arch - Leitner.Karré. Ihr Projekt stülpt sich wie ein mehrfach durchbrochener Saugnapf über den Bauplatz vom Eisernen Haus und dem übrigen Baubestand bis zum Murufer. Das neue Gebäude fängt quasi mit einer Architekturhand einen gut definierten öffentlichen Platz ein und scheint mit dem Daumen in die Mur einzutunken. Die Jury lobte diese "urbanen Qualitäten", kiefelte aber an der inneren Logik des Gebäudes, ein "adäquater Raumablauf", so der Bericht, sei nur schwer nachzuvollziehen. Soweit die Ankäufe. Die Jury hatte sie aus einem Pool von 16 Finalistenprojekten herausdestilliert, in dem schliesslich etwa Leute wie Thom Mayne, Masaharu Takasaki und Zaha Hadid gelandet waren. Die grosse schrille Dame der Dekonstruktion gab sich gemeinsam mit Patrik Schumacher für Graz erstaunlich zahm. Ihr Kunsthaus sieht aus wie ein erodiertes, abfallendes Schichtflächengewimmel, das irgendwie verloren wirkt in der säuberlich netten alten Grazerstadt. Auch die Juroren waren dieser Ansicht: "Sowohl die Dachflächen als auch die inneren Strukturen entfachen eine Wirkung, die als Dialog-Partner den Vesuv oder den Ätna benötigen." Ganz klar ist dagegen der Entwurf des Grazers Manfred Wolff-Plottegg, der einen nur vordergründig simplen Block und Bebauungsrahmen für den Bauplatz und den Bereich über der Uferstrasse vorsieht. Seine Architektur kann nach Belieben Informationen in den Stadtraum schicken und macht so den Gebäudeinhalt öffentlich und zu einem Teil der Stadt. Nicht unähnlich, aber in völlig anderer Form kommt das Projekt der jungen Gruppe N17 daher. Auf vielen dünnen Stützensprisseln steht ein genau gerechnetes, hauchdünnes und kleinhügeliges Betondach und definiert so einen offenen Raum. In diesen poetischen Stützenwald sind die verschiedensten Raumkörper frei eingehängt. Die Jury fragte sich allerdings, wo da "die betrieblich notwendige Kohärenz der Räume und Funktionen" sei. Coop Himmelb(l)au richten mit ihrem Projekt einen Doppelkegeltrichter auf den Uhrturm und lassen dort von innen die Besucher auf die Stadt und von aussen die Stadt auf das dort projizierte Ausstellungsprogramm schauen. Die Kunsthalle selbst ist ein simpler Baukörper, der mit dieser Uhrturmtröte computermässig verschmolzen wurde. Juryintern bekam dieser Beitrag den Spitznamen "Sebringauspuff". Ebenfalls in einer schlichten aber gut wiedererkennbaren Auslage wollen die Leute der Wiener Gruppe Splitterwerk Kunst präsentieren. Hinter einer transparenten Hülle befinden sich gut einsehbar die Ausstellungsobjekte. Ein Raster aus knallbunten Punkten schirmt die Exponate ab und verändert den Anblick des ansonsten einfachen Gebäudes je nach Entfernung des Betrachters. Ab einer gewissen Distanz verschwimmen die Farbflecken zu einem Braunton. So wie Coop Himmelb(l)au kamen auch Klaus Kada und Hans Hollein nicht unter die besten sechzehn.